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Google wird zur Antwortmaschine: Vorteil oder Nachteil?

Immer wieder wird in Fachartikeln ausgebreitet, wie sich Google von der Suchmaschine in Richtung Antwortmaschine entwickelt, so dass den Website-Betreibern Besucher und Pageviews entgehen. Sie verlieren so einen Teil der Hoheit über ihre Inhalte. Ist das gut oder schlecht? Und für wen? Ein Kollege befürchtete gar, es könnte die Serendipität verloren gehen und fragte nach dem Sinn von SEO – hier die Antworten von Thomas Elmiger, Berater Internet und Online-Marketing.

Serendipität bezeichnet eine zufällige Beobachtung oder das Entdecken von etwas, nach dem man eigentlich gar nicht gesucht hat.

Suchmaschinenoptimierung – alles für den Google?

Google dominiert in Deutschland und bei uns in der Schweiz mit 90 bis 95% Anteil den Markt der Suchmaschinen. Darum lohnt sich Optimierungsaufwand (SEO) vor allem dann, wenn er bei Google nützt. In Russland oder China wäre das anders – lokale Kenntnisse sind für SEO immer sehr wichtig.

Google wandelt sich von der Such- zur Antwortmaschine

Google liefert schon heute in vielen Fällen wesentlich mehr als eine Linkliste, nämlich direkt die gesuchte Information. Ein Beispiel: Ich google ab und zu nach der Fuktionsbezeichnung oder der Telefonnummer von Kollegen, www.google.ch/#q=christian+leeger+stämpfli zeigt in den ersten beiden Treffern direkt das Gesuchte an. Ich brauche die Website von Stämpfli gar nicht aufzurufen.

Google Suchergebnis

Für mich als Suchenden ist das ein Vorteil. Ich finde die Information wesentlich schneller, als wenn ich die weniger intelligente Suche der (alten) Stämpfli-Website benutzt hätte. Für Stämpfli als Webseiten-Betreiber ist es kein Nachteil: Die gesuchte Information wird gefunden, ohne unseren Webserver zu belasten. – Für die Betreiber von anzeigenfinanzierten Webseiten sind weniger Seitenaufrufe schlecht, weil weniger Pageviews generiert werden. Für deren Anzeigenkunden ist es wohl kein Nachteil, sie würden sonst für Pageviews bezahlen, obwohl die Anzeigen bei solchen Suchen kaum beachtet werden.

Für das Online-Marketing von Stämpfli bedeutet die Antwortmaschine Google weniger Kontrolle über die Nutzung der Webinhalte und gleichzeitig mehr Aufwand: Wir müssen die Keyword-Daten aus den Google-Webmaster-Tools nach Analytics importieren – dort sehen wir dann zum Beispiel, dass „berhard kobel“ fünf mal gesucht wurde, aber keine Klicks generiert hat. Das ist schwierig zu interpretieren: Hat das reichhaltige Suchresultat den Suchenden genügt, oder hat es sie nicht interessiert? Zusätzlich sind bei den organischen Keywords zwei Suchen mit „kobel“ und „stämpfli“ bekannt, die zu je einem Besuch der Website geführt haben. Ein Besucher hat 7 Seiten angeschaut, der andere nur eine – da stellt sich die gleiche Frage wie bei den fünfen, die schon gar nicht gekommen sind! Übrigens: Insgesamt werden fast 90 Prozent der Suchbegriffe von Google nicht mehr angegeben (not provided).

Für Google liegt der Vorteil der Antwortmaschine darin, dass die Besucher länger auf der Seite bleiben, einen höheren Nutzen haben und somit zufriedener sind. Geld verdient Google in diesem Beispiel nicht, denn für Personennamen werden meist (noch) keine Anzeigen geschaltet.

Geht Serendipity verloren?

Suchergebnis für serendipity

Google.com zeigt das Verhalten, das früher auch auf google.ch sichtbar war: Rechts ein prominenter Blick auf Wikipedia.

Zweites Beispiel: www.google.ch/#q=Serendipity – auch hier hätte Wikipedia (ausser der Erfolgsmessung) nichts davon, wenn ich für die Erklärung die Wikipedia-Seite aufrufen müsste. Weil ich einen Begriff nachschlagen will, bin ich ja nicht unbedingt bereit zu spenden. Wenn ich später einmal mehr Zeit habe und de.wikipedia.org/wiki/Serendipität aufrufe (über den prominenten Wikipedia-Link im Suchresultat), bin ich aber vielleicht begeistert, gehe inspirierenden Links nach und bin bestenfalls sogar beireit, die Informationstiefe mit einer Spende zu belohnen.
Ganz ähnlich sehe ich das übrigens bei der Bildersuche: An Leuten, die nur Bilder (gucken oder klauen) wollen, kann kein Webseiten-Betreiber interessiert sein. Leute, die mehr über die Bilder wissen wollen, finden die Urheber nach wie vor.

Fazit: Das Ziel von Google

Das Ziel von Google ist, die Absicht der Suchenden möglichst genau zu treffen. Wollen Sie nur rasch etwas nachschlagen, sollen sie es sofort sehen. Sind sie bereit, etwas zu kaufen, werden sie Anzeigen sehen. Wollen sie vertiefte Informationen oder Serendipität, sollen sie spannenden Links nachgehen können.

Indiz für Letzteres: Wer erst nach Serendipity gesucht hat, und anschliessend nach Serendipität sucht, sieht die Erklärungs-Box rechts nicht mehr … www.google.ch/#q=serendipität

2 Kommentare zu “Google wird zur Antwortmaschine: Vorteil oder Nachteil?

  1. Ich finde die Entwicklung schon sehr bedenklich, vor allem weil sich viele Menschen gar nicht bewusst sind, dass sie durch das Filtern der Informationen manipuliert werden (können).
    Gerade betreffend angezeigter Suchresultate habe ich vor kurzem das Buch „Filter Bubble“ gelesen, mehr Informationen hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Filterblase

  2. Hier noch ein Zitat von Wikipedia über Wikipedia: «Wikipedia-Server verarbeiten zwischen 25.000 und 60.000 Zugriffe pro Sekunde, je nach Tageszeit. Teilweise kommt es dabei zu Kapazitätsengpässen, die etwa dazu führen, dass Seiten nur langsam oder gar nicht geladen werden können.» – die Stiftung Wikipedia dürfte also tatsächlich sehr froh darum sein, dass Google ihre Server etwas entlastet.
    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia#Technischer_Aufbau

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